Anti-Stress-Therapie, ein Tagebuch

Sally, ein gestresster Angsthund

Anhand der Geschichte von Sally wollen wir euch zeigen, wie solch ein Anti-Stressprogramm aussehen kann.

Sally kam mit 9 Wochen in unsere Familie. Gleich in den ersten Tagen zeigte Sally ängstliche Auffälligkeiten, die ich so von „normalen“ Welpen nicht kannte. Sie war sehr geräuschempfindlich und unterwürfig. Auch die Fellpflege war von Anfang an äußerst schwierig. Das ich einen Angsthund bekommen hatte, wurde mir jedoch erst viele Monate später klar.

Nach drei Wochen Eingewöhnungszeit wurde es aus meiner Sicht Zeit für die Welpenschule. Dort lernte Sally viele andere Welpen kennen, allerdings zeigte sie wenig bis gar kein Interesse mitzuspielen. Sowie sich ihr ein anderer Hund näherte, lag Sally auf dem Rücken. Auch die Übungen zu Hause verliefen nicht anders, gingen wir spazieren und es begegneten uns Hunde, warf sich Sally sofort auf den Rücken und bepinkelte sich dabei.

Innerhalb ihrer ersten drei Monate machte sie auch noch schlechte Erfahrungen mit Hunden, unsere Zweithündin wurde von einem anderen Hund angegriffen und lag schreiend auf dem Rücken, Sally war dabei, sah und hörte. Zweimal wurde Sally selbst von einem alleine freilaufenden Hund von hinten auf den Rücken geworfen. Ich dachte am Anfang, sie muss nur genug Hundebegegnungen, Menschen, Autos usw. haben dann wird das schon, das Gleiche wurde mir auch von den Trainern in der Hundeschule gesagt. Ein schwerer Trugschluss.

Schnell wurde mir allerdings klar, dass ich auf diese Art und Weise mit Sally keinen Schritt vorwärts kam. Sie wurde immer ängstlicher, verkroch sich bei ungewohnten Geräuschen, zog an der Leine, versuchte entgegenkommende Hunde zu verbellen, sprang ständig an mir hoch, zwickte mich in den Arm, fand beim Spielen kein Ende, schlief höchstens acht bis zehn Stunden am Tag, viel zu wenig, speichelte ohne Ende, so könnte die Liste endlos weitergehen. Es fanden mehrere Gespräche mit unserer Tierärztin statt, in denen wir sehr schnell feststellten: Sally ist ein Angsthund. Sie bekam sechs Wochen lang ein Medikament, damit ich eine bessere Bindung zu ihr aufbauen konnte. Das gelang auch recht gut, trotzdem blieb Sally natürlich ein Angsthund.

Medikamente können weder die Angst noch die damit verbundenen Symptome nehmen, sie können immer nur eine kurzfristige Hilfestellung sein. Klar war auch der Tierärztin:“Sally hat nicht nur Angst sondern auch dadurch bedingten Stress“. Ich hörte mit der Hundeschule auf und versuchte Sally alleine zu erziehen. Jeden Tag war ich im Internet und suchte nach Hundeerziehung, Angst beim Hund usw. Leider fand ich erst einmal nichts, was ich nicht schon wusste. Sallys Angst und der damit verbundene Stress baute sich immer weiter auf. Ihr Verhalten war derart auffällig, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, den Hund abzugeben.

Dann wurde ich endlich im Internet fündig: unter www.angsthund.de die Seite für den ängstlichen Hund. Ich meldete mich an und schrieb, wie es mir mit Sally gerade erging.

Ich bekam sehr viele Tipps und versuchte, die auch unterwegs und zu Hause anzuwenden. Dabei war auch der allerwichtigste Tipp für mich: immer ruhig und gelassen im Umgang mit Sally zu bleiben. Das war nicht einfach, wenn man einen Hund an der Leine hatte, der mich mit seinem Verhalten oft hilflos und wütend machte und mich selber stresste. Mit der Zeit lernte auch ich, meine innere Ruhe für unsere Spaziergänge zu finden. Trotzdem steigerte sich Sallys Stresspegel immer höher. Mir wurde klar, dass ich ihren Spieltrieb rassebedingt zugeschrieben hatte und dachte, einen Spieljunky zu haben. Tatsächlich aber einen hypergestressten Angsthund hatte, der mehrere Futterunverträglichkeiten mit dadurch bedingten schweren Durchfällen hatte, der vor lauter Stress nicht fähig war, mit den alltäglichen Dingen in einem Hundeleben umzugehen.

Sally war inzwischen eineinhalb Jahre alt. Der Stress musste abgebaut werden, aber wie? Ich hatte mir mittlerweile doch einiges Wissen über Angsthunde aneignen können und der rege Austausch mit den anderen Usern von angsthund.de war die richtige Hilfe, die ich so dringend benötigte.

Ab sofort gingen wir nur noch zweimal täglich spazieren. Wir gingen verkehrsberuhigte Wege, zu späteren Zeiten, so dass wir nur wenige Menschen, Hunde und verkehrsbedingte Begegnungen hatten. Es gab kein Spielzeug mehr zum toben, stattdessen versuchte ich Sally mit Kopfarbeit auszulasten. Konnte sie im Feld an der Schleppleine oder auch frei laufen, warf ich Leckerli und Sally durfte suchen, genau so machte ich es auch zu hause und versteckte Leckerli in der Wohnung.

Sally bekam immer mit ruhigen Ton ihre Befehle, die, wurden sie von ihr gut ausgeführt, immer verbal und mit Leckerli belohnt wurden. Es gab immer wieder Begegnungen, wo Sally völlig ausrastete, an der Leine zog, bellte ohne Ende, um mich herumsprang, plötzlich nach hinten zog, weil sie etwas ihr Angst machendes gesehen hatte oder sogar versuchte, ein vorbeifahrendes Auto anzuspringen. Nach mehreren Wochen mit immer gleichen Ablauf und Befehlen wurde es ganz langsam besser. Sally speichelte nicht mehr so schnell, sie sprang mich nur noch selten an, zwickte in meinen Arm und sie schlief endlich. Welch eine Freude bei mir, als Sally sich das erste Mal nach einem Spaziergang ruhig hinlegte und zwei Stunden am Stück ganz fest schlief.

Ich selbst hatte in dieser Zeit auch wieder sehr viel dazu gelernt, meinen Hund genau zu beobachten, was will er mir mit seiner Körpersprache und/oder bellen sagen? Ich hatte gelernt vorausschauend zu gehen, frühzeitig den „Gefahren“ mit Sallys nötigem Sicherheitsabstand zu begegnen, richtig zu reagieren, wenn der Abstand mal nicht eingehalten werden konnte.

Natürlich hatte Sally auch Hunde, mit denen sie im Feld spielen und toben konnte, dabei konnte ich immer sehr gut beobachten, dass Sally keinerlei Anzeichen von Aggression zeigte. Denn sehr schnell wird ein derart gestresster Angsthund zum aggressiven Angsthund. Mittlerweile waren wir so weit, dass ich Sally bei Fremdhundbegegnungen ins „Sitz“ bringen und sie mit Leckerli ablenken konnte, bis der Hund vorbei war. Bei Menschen und Autos ging ich genau so vor.

Sally entwickelte sich, ich konnte es deutlich sehen und durfte es auch fühlen: Sally kam von alleine und forderte Schmuseeinheiten. Dann half mir der Zufall. Sally hatte im rechten Hinterlauf ein kleines Ästchen hängen, es hatte keine Dornen und war auch nicht mit dem Fell verknotet. Ich zog es raus, Sally erschrak und ging ab diesem Moment „Fuß“ als hätte sie noch nie in ihrem Leben etwas anderes getan. Natürlich zeigte mir ihre leicht angelegte Rute, dass sie durch den Schreck etwas Angst bekommen hatte, trotzdem versuchte ich die nächsten Tage diesen Vorfall für mich auszunutzen. Waren wir unterwegs und Sally wollte verbellen, strich ich in einem von ihr unbemerkten Moment ganz leicht über ihre Flanke und sie wurde ruhig, zeigte keinerlei Angst an, hörte plötzlich sofort auf meine Befehle.

Es wurde Dezember und Silvester stand vor der Tür, wie würde Sally sich verhalten? Im Jahr davor war sie völlig ruhig und gelassen, wird es wieder so sein? Nein, durch unseren Stressabbau kamen immer mehr Sallys Ängste und Unsicherheiten zum Vorschein. Silvesterabend war Sally um 19 Uhr das letzte Mal im Garten, danach war sie nicht mehr zum rausgehen zu bewegen. Als draußen die Schießerei losging, lag meine Sally im Wohnzimmer in einer Ecke, am ganzen Körper zitternd und speichelte ohne Ende. Sie hatte Angst, großen Stress und war nicht ansprechbar. Ich konnte gar nichts tun. Erst nach dem es draußen ruhig war und wir schlafen gingen, beruhigte sich auch Sally und schlief endlich. Der Neujahrsmorgen war da, ich war selber etwas aufgeregt, wie wird sich Sally draußen verhalten? Unser Spaziergang verlief völlig normal, auch daran konnte ich sehen, dass sie Stress jetzt schneller abbaute.

Jetzt haben wir Mitte Januar, Sally ist 20 Monate alt, geht an längerer Leine, hört sofort auf meinen Befehl und kommt „Fuß“, verbellt keine Menschen mehr. Bei Fremdhundbegegnungen hat sich ihr Sicherheitsabstand auf 5-6 m verringert. Begegnen wir Hunden, vor denen Sally Angst hat, bleibt sie an meiner Seite, beruhigt sich schneller, kein langes hecheln und speicheln mehr. Im Feld kann ich sie immer öfter frei laufen lassen, sie hört auf die Hornpfeife, rennt nicht mehr bellend auf weit entfernte Hunde zu. Trotzdem gibt es zwischendurch immer wieder mal einen kleinen Rückfall, davon lasse ich mich nicht beeindrucken, bleibe ruhig und gelassen. Das Wichtigste haben wir geschafft: Sally steht nicht mehr unter Dauerstress. Jetzt gilt es diesen Erfolg zu halten und weiter auszubauen. Sie ist eine richtige Schmusebacke und zumindest innerhalb von Haus und Hof ein fast „normaler Hund“ geworden.

Auch unsere täglichen Fellpflegeübungen zeigen endlich Erfolge auf: Sally lässt sich mit jeder Art von Kamm, Bürste und Striegel das Fell pflegen. Dabei muss ich sie immer noch sehr genau beobachten, fängt sie an zu hecheln und/oder speicheln, wird die Pflege mit verbalen Lob und Leckerliegabe sofort positiv beendet. Sally ist immer noch ein Angsthund, sie wird mit ganz viel Zeit, Ruhe, Geduld und Gelassenheit mit mir zusammen lernen, dass sie all den „bösen Dingen“ da draußen ruhig und fröhlich entgegen gehen kann.

Autor: Ingrid Rausch (bitte unsere AGB beachten)

Impressum | Rechtliche Hinweise | Datenschutzerklärung | Kontakt | Sidemap